CEO Interview

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Interview mit Joachim Kreuzburg, Vorstandsvorsitzender von Sartorius

Seit 2005 ist Dr. Joachim Kreuzburg Vorstandsvorsitzender der Sartorius AG. Im Interview mit BIOTECH Insight spricht er über die aktuelle Firmenstrategie, die Bedeutung der richtigen Produktionstechnologie für innovative Medikamente, Ökosysteme für Start-ups und neue Trends wie Zell- und Gentherapie.

BIOTECH Insight: Sartorius investiert aktuell in einige Bauvorhaben – in Deutschland und im Ausland. In Deutschland etwa in Guxhagen nahe Kassel oder auch am Hauptstandort in Göttingen. Können Sie uns diese Baumaßnahmen, neuen Infrastrukturen und weitere Planungen erläutern?

Joachim Kreuzburg: Wir investieren derzeit stark in den Ausbau unserer weltweiten Produktionskapazitäten: in Deutschland und anderen europäischen Ländern, in den USA und in Asien. Allein im vergangenen Jahr haben wir insgesamt gut 400 Millionen Euro investiert, und für 2022 planen wir mit einer Summe zwischen 550 Millionen und 600 Millionen Euro. Diese Investitionen geschehen vor dem Hintergrund eines nachhaltig wachsenden Marktes. Die Biopharma-Branche befindet sich weltweit in einer sehr dynamischen und innovativen Phase mit langfristigen und starken Wachstumstrends. Mit unseren Investitionen schaffen wir die notwendigen Kapazitäten, rücken die Produktion näher an unsere Kunden in der jeweiligen Region und erhöhen die Liefergeschwindigkeit.

BIOTECH Insight: Sie setzten also auf Expansion. Auch die Geschäftszahlen sprechen für beständiges Wachstum. In welchen Bereichen des Unternehmens herrscht aus Ihrer Sicht aktuell die größte Dynamik?

Joachim Kreuzburg: Wir sind 2021 sowohl in der Labor- als auch in der Bioprozesssparte kräftig gewachsen, mit hohen Steigerungsraten und neuen Höchstwerten in praktisch allen Produktsegmenten und in allen Regionen. Auf Konzernebene haben wir unseren Umsatz im vergangenen Jahr um wechselkursbereinigt knapp 50 Prozent auf rund 3,45 Milliarden Euro gesteigert und mit einer operativen EBITDA-Marge von 34,1 Prozent auch bei der Profitabilität ein nochmals höheres Niveau erreicht. Das war eine außergewöhnlich starke Entwicklung. In vielen Bereichen arbeiten wir seit Beginn der Pandemie an sieben Tage pro Woche rund um die Uhr.

BIOTECH Insight: Die Corona-Pandemie ist sicher ein Teil dieser Geschäftsentwicklung. Aber welche Auswirkungen hat die Pandemie auf das Geschäft von Sartorius insgesamt? Welche Bereiche haben an Bedeutung gewonnen?

Joachim Kreuzburg: Das pandemiebedingte Geschäft war in den vergangenen beiden Jahren für Sartorius in der Tat ein relevanter, aber nicht der dominante Treiber der starken Geschäftsentwicklung. Der überwiegende Teil unseres Wachstums kam aus dem Basisgeschäft in den Bereichen monoklonaler Antikörper und zunehmend auch neuer Zell- und Gentherapeutika. Wir sehen in der Branche derzeit gut gefüllte Pipelines und hohe Investitionen in zusätzliche Produktionskapazitäten weltweit, die zu einer höheren Nachfrage nach unseren Produkten führen.

BIOTECH Insight: Deutschland hat weltweit lange den zweiten Platz in der Produktionskapazität für biopharmazeutische Produkte gehalten. Aktuell sieht es so aus, als ob andere Länder langsam vorbeiziehen. Welche Herausforderungen ergeben sich für Sartorius, wenn das Land des Hauptsitzes im internationalen Vergleich an Bedeutung verliert?

Joachim Kreuzburg: Deutschland ist für uns ein bedeutender Markt, allerdings machen wir hier weniger als 10 Prozent unseres Umsatzes. Wir arbeiten mit allen großen Pharma-Produzenten weltweit zusammen, und mit dem Ausbau unserer Produktionskapazitäten sind wir noch näher bei unseren Kunden – ob sie nun in den USA, China, Südkorea, der Schweiz oder in Deutschland produzieren.

BIOTECH Insight: Abgesehen vom Pharmabereich entwickelt sich gerade eine völlig neue Szene der im Labor entwickelten, fermentierten Lebensmittel oder auch biobasierten Materialien für unterschiedlichste Nutzungen. Ist Sartorius auch in diesem Bereich vertreten?

Joachim Kreuzburg: Mit der Biopharmazie haben wir uns auf eine sehr dynamische, von ständigen Innovationen geprägte Branche fokussiert, und damit fühlen wir uns sehr wohl. Andere Segmente beobachten wir und sind dort auch teilweise vertreten, allerdings ohne unseren Fokus zu verwässern.

BIOTECH Insight: Dient dazu auch die Life Science Factory in Göttingen, als neuer Nukleus in Ihrem Vorgarten, um diese Start-up-Szene stärker mit Sartorius zu verknüpfen – oder schauen Sie globaler auf viele internationale Innovationszentren und verfolgen, was sich dort Spannendes entwickelt?

Joachim Kreuzburg: Wir tun das eine, ohne das andere zu lassen. In Göttingen geht es darum, das enorme vorhandene wissenschaftliche Potenzial zu nutzen und eine lebendige Start-up-Szene im Bereich der Lebenswissenschaften zu etablieren. Die Life Science Factory dient dabei als Plattform, zum Beispiel durch die kostengünstige Bereitstellung flexibler Laborräumlichkeiten sowie durch verschiedene Inkubationsprogramme. Die Kooperation mit Sartorius ist für die Start-ups eine Möglichkeit, aber keine Verpflichtung. In unserem eigentlichen Kerngeschäft sind wir vollständig international unterwegs und pflegen vielfältige Kooperationen mit Forschungseinrichtungen, Innovationszentren und Start-ups.

BIOTECH Insight: Welche besonderen Trends sehen Sie für die Branche, auf die sich Sartorius bereits heute einstellt, etwa im Bereich der Zell- und Gentherapien, der „seltenen Erkrankungen“ oder ganz anderer Themen, die direkten Einfluss auf die Produktionsvolumina, die Flexibilität der eingesetzten Technologie oder auch die verwendeten Materialien haben?

Joachim Kreuzburg: In der Tat wurden zuletzt vielversprechende Fortschritte bei der Entwicklung neuer Ansätze und Modalitäten erzielt. Wie Sie erwähnt haben, sind dies zum Beispiel zell- und gentherapeutische Verfahren, aber auch mRNA-basierte Ansätze und weitere innovative Technologien. Sartorius ist darauf fokussiert, seinen Kunden Werkzeuge und Technologien an die Hand zu geben, um Therapeutika und Vakzine möglichst schnell und zu möglichst geringen Kosten zu entwickeln und herzustellen. Für die innovativen Modalitäten bedarf es oftmals kleinerer Produktionsvolumina, neuer Aufreinigungstechnologien und höher integrierter und automatisierter Systeme.

BIOTECH Insight: Nicht zuletzt spielt das Thema Nachhaltigkeit in Unternehmen eine größer werdende Rolle. Wie ist Sartorius da aufgestellt?

Joachim Kreuzburg: Bereits in den vergangenen Jahren haben wir laufend Maßnahmen zur Verringerung des ökologischen Fußabdrucks umgesetzt. Nun haben wir uns ein ehrgeiziges Ziel zur kontinuierlichen Reduzierung unserer CO2-Emissionsintensität um durchschnittlich rund zehn Prozent pro Jahr vorgenommen. Bis 2030 soll dies zu einer um fast 70 Prozent geringeren Emissionsintensität führen. Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, werden wir perspektivisch pro Jahr rund ein Prozent des Konzernumsatzes aufwenden.

Joachim Kreuzburg (geboren 1965) ist seit 2005 Vorsitzender des Vorstandes der Sartorius AG und verantwortet die Bereiche Strategie, Personal und Corporate Research sowie Recht, Compliance und Kommunikation. Zusätzlich ist er seit 2007 Verwaltungsratsvorsitzender und CEO der Sartorius Stedim Biotech S. A. Nach dem Diplom-Studium Maschinenbau in Hannover war er am Niedersächsischen Institut für Solarenergieforschung in Hameln sowie am Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Universität Hannover tätig. Nach seiner Promotion zum Dr. rer. pol. 1999 begann er im selben Jahr seine Laufbahn bei Sartorius. Zunächst innerhalb des Controllings in verschiedenen Positionen tätig, übernahm Kreuzburg dann die Funktion des Kaufmännischen Geschäftsführers der Tochtergesellschaft GWT, Hamburg. Anschließend wechselte er in die Position des Leiters Finanzierung und Investor Relations, bevor er im November 2002 in den Vorstand der Sartorius AG bestellt wurde, an dessen Spitze er seit Mai 2003 steht.

 
 

Die Fragen stellte Dr. Georg Kääb, BIOCOM AG/|transkript

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